Mein Leben in Indien

YogaGypsy Delhi Streetlife

Gastartikel von Sarah von Chalo! Reisen


Nun sind es schon über sieben Jahre, die ich in Indien lebe. Die Entscheidung dazu, hatte ich nie gemacht.

Nach meinem freiwilligen Jahr, dass ich mit der Arbeit für eine gemeinnützige Organisation in Delhi verbracht hatte, bin ich einfach geblieben und nie mehr wirklich nach Deutschland zurückgekehrt. Außer hin und wieder für einen Familienbesuch oder der Erneuerung meines Visas. Aus ein paar Monaten wurden Jahre. Viele Jahre, die ich um keinen Preis der Welt missen wollte.

Wie mein Abenteuer begann

Natürlich bin ich nicht in Delhi geblieben. Für die Zeit während meines Freiwilligenjahres in 2009/2010 war die riesige Metropole genau das Richtige: Meine Projektpartnerin und ich hatten eine gute Zeit in der riesigen Stadt und konnten uns in dem Jahr dort ein gutes Leben mit sinnvoller Arbeit, gutem Freizeitprogramm und einem indischen Freundeskreis aufbauen.

Delhi ist laut, schmutzig und nicht alle Menschen dort sind gut. Doch wir genossen unser Leben in unserem kleinen Viertel mit dem nahegelegenen Park, den kleinen Markt, auf dem man alles bekam und unser Zimmer bei einer älteren Dame aus Westbengal.

Während der Feiertage (und davon gibt es in Indien reichlich) und unseren freien Tagen reisten wir so viel wie es nur ging und entdeckten dabei den riesigen und diversen indischen Subkontinent.
ES brachte Spaß daran unsere Reiserouten zu entwickeln und dabei so günstig wie nur möglich zu reisen.

Noch heute erinnere ich mich an den Schlafsaal in Jodhpur und der nächtlichen Busfahrt von Hampi nach Mysore mit mindestens drei Reifenpannen.

Wir waren jung, interessiert und steckten zudem viel Herzblut und Energie in unsere Arbeit mit den Kindern aus einem Slum, unterrichteten die Schulabrecher, bauten einen Spielplatz, organisierten Ausflüge.

Freiwilligenarbeit in Indien
Sarah leistet Freiwilligenarbeit in Indien und arbeitet mit Kindern

Wir passten uns gut an die Gegebenheiten Vorort an und waren interessiert daran, so tief wie möglich in die indische Kultur (wenn man überhaupt von EINER indischen Kultur sprechen kann) einzutauchen. So lernten wir Hindi, trugen Salva Kameez (die indische Kleidung der Frauen), feierten indische Feiertage mit indischen Familien und liebten das indische Essen. Teilweise waren wir indischer als so mancher  Stadtinder.

Von der Leidenschaft zur Berufung

Doch das liebste an meinem Jahr in Indien war mir noch immer das Reisen. Es war schon immer meine Leidenschaft und ist mittlerweile ja auch zu meiner Berufung geworden.

Ich liebte es für Tage und Nächte in den langsamen Zügen quer durch das Land zu fahren, durch die Tee- und Gewürzplantagen zu wandern, mit einem privaten Kamelführer auf Kamelen durch die Wüste Tharr zu reiten und abends gemeinsam am Lagerfeuer die Mahlzeiten zuzubereiten, die geschäftigen Blumen- und Gemüsemärkte zu besuchen und an riesigen Tempelfesten teilzunehmen.

Trekking in Indien
Trekking in den Bergen des Himalaya

Den Höhepunkt meiner Reisen bildete eine fünftägige Trekkkingtour im Himalaya. Nicht nur, dass ich die Liebe zu den Bergen wieder entdeckte, sondern vor allem Gefallen daran fand, in einer Gemeinschaft aus Freunden unterwegs zu sein mit keinen anderen Sorgen außer zu Laufen, Essen und Schlafen.

Leben im Himalaya

Der indische Himalaya ist es auch, den ich schließlich zu meiner neuen Heimat erkoren habe. Genauer: Den Bergort Old Manali. Ein kleines touristisches Backpackerörtchen auf 2000 Meter Höhe mitten in der faszinierenden Bergwelt des großen Himalaya.

Hier gibt es alles was einem Outdoorsportler und Indienverliebten das Herz höher schlagen lässt: Mountainbiking, Klettern, Trekking, kleine traditionelle Bergdörfer, liebenswürdige Menschen, Tempel, gutes indisches Essen und vorallem ein einfaches, aber bodenständiges Leben.

Meine Eltern schlagen nicht selten bei ihren Besuchen die Hände vor dem Kopf zusammen, wenn sie sehen in welchen Verhältnissen ich lebe. Mein eigenes Zimmer verfügt weder über eine Heizung, noch isolierte Wände, die Wäsche wasche ich per Hand, die Küche teile ich mir mit einem Haufen indischer Freunde nebenan.

Doch dieses einfache und gesellige Leben tut mir gut. Erdet mich.

Ich mag die indische Geselligkeit. Der Inder ist kein Einzelgänger, sondern braucht Menschen um sich herum. Man sorgt um sich, passt auf einen auf, ist da. Privatsphäre ist ein Fremdwort hier, doch mit meinem eigenem Zimmer und meinem Fahrrad, kann ich mir die ohne Probleme selbst organisieren, sofern ich denn will.

Mir, als ausländischen Exoten, lässt man eh viel durchgehen. Ich bin eben ein „Videshi“ und man weiß von uns, dass wir anders ticken. Dabei wohnen in und um Old Manali einige Ausländer und besonders in der Hauptsaison ist Manali eine richtige Backpackeroase mit Besuchern aus aller Welt.
Die Inder sind Ausländer gewohnt und gleichzeitig gibt es aufgrund des Tourismus viele Annehmlichkeiten, die auch ich zu schätzen weiß: Hin und wieder ein Stück Pizza, gute Internetverbindung, ein angeschlossenes Badezimmer mit heißem Wasser.

Wie ist das Leben in Indien?

Die Annehmlichkeiten eines Lebens in Indiens: günstiges und gutes Essen, Auto Rikschahs und die besten Freunde die man sich wünschen kann.
Das Leben ist gut hier und ich genieße viele Freiheiten, die in Deutschland oft schwer sind durchzusetzen: Ich habe meinen eigenen Tagesablauf, es gibt keinen Leistungsdruck, außer von mir selbst und immer und überall habe ich Freunde um mich herum.
Natürlich kann ich diese Freiheiten vorallem wegen meines Sonderstatus als Ausländerin genießen. Zum einen ist ein indisches Leben für westliche Verhältnisse sehr günstig, zum anderen wird man von den Indern selbst als etwas „Besonderes“ angesehen. Die Frage ob das so richtig und gut ist, sei hier dahingestellt.

Doch natürlich gibt es auch eine Kehrseite eines Lebens diesem Land.

Die indische Kultur unterscheidet sich gänzlich zu der in Deutschland, wenngleich auch Indien immer moderner und westlicher wird. Doch erhält man einen tieferen Einblick in das Leben der Inder. Man merkt schnell, wie sehr es noch auf Tradition und Bräuche aufgebaut ist. Hier geht das Sozialgefüge über alles und die Individualperson kommt nicht selten zu kurz.
Vor allem die Frauen spielen noch immer eine wesentlich kleinere Rolle als die Männer, vor allem in den ländlichen Regionen.

Sie sind es die zu Hause sind, sich um den Haushalt und die Kinder kümmern, das Essen auf den Tisch bringen, die Kühe versorgen und die Wäsche waschen. Alles notwendige, aber einfache und harte Arbeit, die dazu führt, dass ich selbst kaum mit Inderinnen in Kontakt komme. In den Städten sieht das natürlich schon wieder ganz anders aus, aber ich lebe nun einmal auf den Land.

Nicht selten bringen mich die Inder zur Weißglut. Sei es wegen ihrer lachsen Art Geschäfte zu führen, ihrer Rücksichtslosigkeit im Straßenverkehr und ihrer unverhohlenen Neugier meiner Person gegenüber. Doch die meiste Zeit kann ich all das mit Humor ertragen, zumal die Inder wirklich ein sehr liebenswürdiges Völkchen bilden.

Als Frau in Indien leben

Ich bekomme als weibliche Ausländerin, groß und mit blonden Haaren Aufmerksamkeit. Doch an die starrenden Blicke habe ich mich längst gewöhnt und nehme sie kaum noch war.
Unangenehme Situationen was die indische Männerwelt betrifft, hatte ich kaum, wenngleich ich natürlich Maßnahmen treffe, solche auch nicht hervorzurufen. Alleine im Dunkeln bin ich so gut wie nie unterwegs und meine Reisewege sind stets so geplant, dass ich ohne Sorge zum Ziel gelange.
Meistens sind es die männlichen Inder selbst, die auf mich aufpassen und mich beschützen. Ihnen selbst ist der schlechte Ruf Indiens in Bezug auf Massenvergewaltigungen und der schlechten Stellung der Frau am unangenehmsten.

Doch auch diese Problematik ändert sich gerade in Indien und wird vor allen von der Politik und den Frauen selbst in eine positive Richtung vorangetrieben. Mittlerweile kenne ich viele selbstbewusste und emanzipierte indische Frauen, die geschäftlich erfolgreich sind, selbstständig Reisen und ein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben führen.

Mir selbst geht es gut hier. Ich genieße jeden Tag hier und freue mich immer wieder auf die kleinen und größeren Abenteuer die mir mein Leben in Indien bietet. Erst letzte Woche war ich auf einer Fahrradtour in den touristisch unerschlossenen Nordoststaaten, morgen werde ich zu einem sechswöchigen Yoga Kurs in Rishikesh am heiligen Ganges reisen und während ich gerade den Artikel schreibe, sitze ich im Bergort Shimla in einem kleinen Restaurant und beobachte den Sonnenuntergang. Wer weiß, was mir das nächste Jahr bringt. Mit Sicherheit wird es nicht langweilig.


Vielen Dank, liebe Sarah, für deinen interessanten Bericht. 
Hier noch ein paar Infos zu ihr:

Sarah lebt seit 2009 in Indien und führt von hier aus ihr kleines Reiseunternehmen Chalo! Reisen (http://chalo-reisen.de) für Aktiv- und Erlebnisreisen durch ganz Indien. Als mehrfach ausgebildete Yogalehrerin ist sie besonders auf Yoga Reisen, Yoga Retreats und Yoga Trekking spezialisiert.

Auf ihrem Indien Blog (http://www.chalo-reisen.de/indien-blog/) berichtet sie regelmäßig über Indien, ihre Reisen und Erlebnisse.

22 Kommentare bei „Mein Leben in Indien“

  1. Super, I practice German, it’s great this blog!

  2. Ich finde es total spannend und vor allem auch mutig auf ‘so eine Reise’ zu gehen. Ich bin leider ein totaler Schisser und innerlich so an mein Zuhause und den Komfort in Deutschland fixiert, dass ich wahrscheinlich nie eine längere Zeit wo anders leben könnte.

    Liebe Grüße
    Nadine von tantedine.de

    1. Ich finde es super hilfreich, sowas mal hinter sich zu lassen 😉

  3. Das sind ja mal wirklich interessante Einblicke! Super das Sarah das macht was sie glücklich macht und ihren Ort gefunden hat. Danke für diesen tollen Beitrag, der einen Indien wirklich näher bringt.

    Lg aus Norwegen
    Ina

  4. Wow, das ist mal ein super schön geschriebener und spannender Bericht! Zu Indien habe ich noch eine zwiegespaltene Haltung: Ich würde schon unheimlich gerne mal hin. Mich reizt das Land, das bunte Treiben und die vielen schönen Geschichten die man hört. Aber die Negativen Geschichten, die du ja auch ansprichst, haben mich bisher immer abgehalten. Schön zu lesen, dass das Land im Wandel ist und sich einiges im Bezug auf die Stellung der Frauen dort tut. 🙂
    Liebe Grüße
    Sarah

    1. Das fand ich auch besonders interessant an ihrem Bericht!

  5. eine wahnsinnig schöne Reportage liebe Sarah! ich war selber für eine Wochen in Indien und war einfach so beeindruckt von den vielen verschiedenen Eindrücken … und ich glaube, selbst wenn man in Indien lebt, reißt das nich ab 🙂

    übrigens hatte ich wder in Indien noch in Nepal Probleme als ausländische Frau 😉

    liebste Grüße auch,
    ❤ Tina von liebewasist.com
    Liebe was ist auf Instagram

    1. Das glaube ich auch nicht – das Land ist dafür einfach zu anders <3

  6. Wow ein total spannender Gastbeitrag. Kaum vorstellbar dass man so mehr oder weniger spontan sein Leben in Deutschland hinter sich lässt und in ein anderes Land zieht!
    Interessant finde ich auch, wie sehr sich die pro und contra Liste die Waage hält, denn in den Medien werden die Vorzüge Indiens ja eher selten hervorgehoben.
    Der Beitrag hat wirklich Spaß gemacht zu lesen!

    Liebe Grüße, Kay.
    http://www.twistheadcats.com

    1. Wie schön, das freut mich und Sarah bestimmt auch <3

  7. Moin,

    Idien ist auch eines meiner Traumziele… nach deinem Artikel gleich doppelt! Danke für die virtuelle Reise zu diesem wunderbaren Ort!

    Liebe Grüße zum Wochenstart,
    Verena

    1. Dann ab gehts! So teuer sind die Flüge nicht :-))

  8. Liebe Anni,

    danke für diesen tollen Gastbeitag! Ich finde genau diese Erfahrungen prägen uns im Leben und ich beneide Sarah für diese Eindrücke, die sie sammeln konnte. Ich war noch nie in Indien und möchte unbedingt mal hin. Jetzt noch mehr nach diesem Beitrag!

    Liebe Grüße
    Verena

    1. Das freut mich 🙂

  9. Wow, ich finde es echt mutig, einfach so spontan im Ausland zu bleiben. Aber gleichzeitig frage ich mich, was du später machen willst, wenn du älter wirst. Heiraten? Familie? Dort oder woanders leben? Irgendwie ist es für mich so schwer vorstellbar, ein Leben zu führen, dass so weitab von unserem “normalen” Denken liegt… Deshalb kommt der Beitrag auch in meine Mai-Blogperlen! 🙂

    1. Ah das freut mich sehr und meine Gastautorin bestimmt auch <3 Danke!!

  10. Manchmal sind die spontane Entscheidungen auch die besten. Ich könnte mir allerdings nicht vorstellen, so einfach mein Leben hier aufzugeben und wegzugehen. Ich bin aber auch ein totaler Familienmensch und schon allein deswegen kann ich es nicht. Umso bewundernswerter, dass es Leute tun. 🙂

    Alles Liebe,
    Julia
    https://www.missfinnland.at

    1. Ich finde das auch einen mutigen Schritt!

  11. Wow, ich freue mich über eure zahlreichen positiven Kommentare. Vielen Dank dafür!
    Falls ihr mehr Fragen zu Indien oder meinem Leben hier habt, freue ich mich von euch zu hören und eure Fragen zu beantworten.
    Viele Grüße aus dem indischen Himalaya

  12. Wow! Ich habe die Geschichte so gerne gelesen!

    So toll beschrieben!!

    Ich sage es mal so, wenn ich keine oder noch keine Kinder hätte, würde ich das so gerne mal machen!

    Vielleicht mache ich mal so eine Reise, wenn die Kids mich nicht mehr brauchen und sie ihr eigenes Leben haben! ;oD

    Hab ein schönes Wochenende!

    xoxo
    Jacqueline

  13. Hey,

    wow, ein wirklich interessanter und vielfältiger Bericht der total viele Aspekte zeigt. Ich persönlich könnte so einen mutigen Schritt niemals gehen, weil ich dafür einfach zu ängstlich bin … Ich brauche meine Familie und das gewohnte Umfeld.

    Lg
    Steffi

  14. Der Hinalaya bzw. Die Natur würde mir wohl auch gefallen, ansonsten ist Indien aber wohl gar nichts für mich.

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